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London im Rausch

26. Oktober 2011

Wer hätte das gedacht: endlich mal typisches “britisches” Regenwetter nach ansonsten sonnigen Tagen. Wir nahmen es gelassen und stürzten uns in die Arbeit. Während das Orchester in London residiert, treffen sich Musikvermittler aus Deutschland, Österreich, Schweiz und Großbritannien im Rahmen eines einigartigen Projektes, das zusammen mit der Körber-Stiftung organisiert wurde. Ziel ist es, in mehreren Gesprächsrunden und Workshops einen regen Gedankenaustausch zwischen den Musikvermittlern zu erzeugen. Es sollen Impulse für die Arbeit jedes einzelnen in seinem Land gegeben werden. Dabei ist die Erfahrung und das Wissen der britischen Kollegen unerlässlich, weil hier die Education-Bewegung bereits von 25 Jahren begann. Danach gab Hendrik Zwiener vom Gewandhausorchester einen Meisterkurs mit Studenten.

Viel Zeit blieb dann auch nicht mehr bis zur Anspielprobe im Barbican Centre. Eine kurze Verschnaufpause in der sehr gut ausgestatteten Backstage-Bar kam vielen sehr gelegen. Maestro Chailly nahm sensible Stellen jedes Stück des heutigen Programms genau durch und bekam den Klang, den er sich vorstellte.

Während der Probe sprach Sonja Epping, Leiterin der Konzertbüros des Gewandhauses mit den Komponisten Steffen Schleiermacher und Colin Matthews, die, wie mittlerweile bekannt sein wird, für jeweils einen der fünf Konzertabende ein Stück komponierten. Heute stand Steffen Schleiermachers Werk “Bann. Bewegung. Mit Beethovens Erster” auf dem Programm.

Der Orchesterapparat startete im Konzert mit Schleiermacher und fegte durch Beethoven 1 und 7. Da gab es mächtig auf die Ohren: durch die straffen Tempi fühlten sich die Sinfonien  wie, so einige Besucher, ein “Hurricane” an. Und in der Tat: die 7. war eine beeindruckende Leistung auf die dann ein Jubelrausch einfiel, den man selten erlebt. Innerhalb weniger Sekunden stand der ganze Saal und jauchzte. Dieses Schauspiel dauerte ungezählte Vorhänge. Eines der bemerkenswerten Dinge an Riccardo Chailly ist das Zwiegespräch zum Dank und die Verneigung vor den Musikern, nach guter Arbeit; das hat etwas zutiefst Nahbares und Authentisches.

Und das Barbican tobte

25. Oktober 2011

Alles fing an mit einem Interview am Vormittag im Hotelzimmer von Maestro Chailly. Ed Seckerson, ein sehr angenehmer britischer Musikjournalist sorgte mit seinen klugen Fragen für einen regen Gedankenaustausch. Beiden war dieses Gespräch ein Vergnügen. Wir versuchen, die Aufzeichnung in den nächsten Tagen hier zu posten. Später ein kurzer Blick auf Piccadilly Circus und schon geht es weiter zum Barbican Centre, unserem zweiten zu Hause hier in London.

Ganze drei Empfänge gab es gegen Abend im Barbican Centre zu unterhalten. Gewandhausdirektor Andreas Schulz ließ es sich bei diesen Terminen nicht nehmen, Worte über das Orchester und den Beethovenzyklus an die Besucher zu richten. Und der Oberbürgermeister der Stadt Leipzig Burkhard Jung legte natürlich den Zuhörern Leipzig als Tourismusziel ans Herz.

Neben diesen netten Vergnügen rief aber auch die Pflicht zur Anspielprobe. Bei den Vorbereitungen dazu wurden bemerkenswerte Details aufgedeckt: So zum Beispiel die gewagte Sockenfarbe eines Musikers oder die Vorliebe unseres Hornisten für extravagante Einspielorte – wir erinnern hier nur an den Fahrstuhl in Paris…

Auf dem Programm standen Beethoven 2 und 5, dazu das spannende Auftragswerk von Carlo Boccadoro. Die sonst eher reservierten Londoner Konzertbesucher traten nach dem Konzert eine Lawine der Begeisterung los und tobten ausgesprochen mit lauten Bravi und stehenden Ovationen. Und in der Tat: Beethoven 5 war ein regelrechter Wirbelsturm, den eigentlich niemanden unberührt lassen konnte. Das war ein super Auftakt in den Londoner Konzertzyklus – und übrigens war heute Tourneebergfest, das mit einem Bier gefeiert wurde.

London´s calling

24. Oktober 2011

Vom Nordbahnhof in Paris sind wir mit dem superschnellen Eurostar über Lille durch viel flaches, herbstliches Land nach London gerauscht, davon schlappe 20 Minuten unter dem Kanal hindurch. Glücklicherweise war unser Tourneearzt mit an Bord, da ein Passagier während der Fahrt dringend medizinische Hilfe benötigte – ist nochmal alles gut gegangen.

Nach gut zweieinhalb Stunden kamen wir dann mitten in London an und fuhren weiter zum Hotel nahe Tower Bridge. Witzige Häuserfassaden und der obligate Stau gehörten zum Weg. Heute gab es kein Konzert und so konnte jeder ein wenig London erkunden.

Gewandhausdirektor Andreas Schulz und der Orchestervorstand fuhren am Abend zur Deutschen Botschaft, wo ein Empfang im Kontext der Orchestertour stattfand. Alle sechs Personen in einem Londoner Taxi unterzubringen, erforderte viel Disziplin und Kreativität, selbst die Kamera verwackelte dabei. Auf der Fahrt zur Botschaft ergaben sich dann aber ganz schöne Bilder – London Eye, Big Ben, Westminster.

Wir wurden in der Botschaft vom Deutschen Kulturattache empfangen, der uns durch die herrlichen Räume führte. Die auf dem Programm stehende Ausstellungseröffnung der Leipziger Künstler Schröter und Schröter eröffnete der Deutsche Botschafter und der Leipziger Oberbürgermeister. Als musikalischer Höhepunkt trat das Gewandhausquartett auf, das die Gäste mit Beethoven beglückte – beim anschließenden Empfang wurde in den höchsten Tönen von der Kammermusik geschwärmt. Das Arbeitszimmer des Botschafters wurde kurzerhand als Garderobe der vier Musiker genutzt. Interessante Kontakte wurden bei Häppchen und Sekt geknüpft.

Magische 5 Minuten

23. Oktober 2011

Ein Tourneesonntag kann auch schon mal mit Arbeit beginnen. Nach dem Frühstück besprachen Gewandhausdirektor Andreas Schulz, Orchestermanager Marco Eckertz und Mitarbeiterinnen der Londoner Agentur intermusica die Plaung der nächsten Tage, und die werden es in sich haben. Das sind sie: Julia und Roz, quasi die fleißigen Strippenzieherinnen im Hintergrund. intermusica betreut uns in den Tourneeorten Paris und London, organisiert praktisch die kompletten Tage: Hotels, Busse, Zeitpläne, Meetings, Signierstunden. Hier läuft nichts ohne die beiden.

Gut zwei Planungsstunden später gab es ein wenig Gelegenheit, die Umgebung zu erkunden. Da der Weg vom Hotel zum Salle Pleyel nicht so weit ist, bot sich ein Spaziergang dorthin an. Bei herrlichem Wetter führte der Weg durch die typischen Pariser Straßenschluchten über den Triumphbogen zu einladenden Cafes. Und wie sich das gehört, saß man auch draußen und genoss die Sonne. An einigen Ecken wurden frische Austern auf Eis angeboten. Also schnell eine geschlürft und weiter zur benachbarten Patisserie, wo man sich kaum mit einem Törtchen zufrieden geben konnte.

Im Salle Pleyel angekommen, folgte auch gleich die Anspielprobe zum heutigen Konzert, das bereits 16 Uhr begann. Beethovens 1. und 7. Sinfonie waren angesetzt und vorangestellt Steffen Schleiermachers Auftragswerk “Bann. Bewegung. mit Beethovens erster”. Das Foto zeigt Herrn Schleiermacher mit Begleitung vor Beginn der Anspielprobe. An der Tageskasse bildeten sich währenddessen lange Schlangen. Kurz vor Konzertbeginn gab Maestro Chailly in seiner Garderobe noch schnell ein Interview für einen extra angereisten belgischen Journalisten. Fix den Frack noch angelegt und dann schnell zu Bühne… Steffen Schleiermacher konnte sehr glücklich sein, bei diesem großen Applaus für seine Arbeit. Schon beim ersten Konzert zeigten die Pariser eine überraschende Offenheit und Honoration für Neue Musik. Und kaum einer dachte, dass der gestrige Beifall für die Sinfonien noch getoppt werden könnte. Irrtum, am Konzertende tobten die Besucher mit gut 5 Minuten Dauerapplaus, einem Duzend Vorhängen und Bravo-Salves.

Die Begeisterung drückte sich später auch noch durch eine sehr lange Schlange am Signiertisch des Maestros aus. Eine Vielzahl an CD-Boxen und Programmheften gab es zu signieren, was Riccardo Chailly sichtlich Freude bereitete.

Was für ein Empfang – Paris

22. Oktober 2011

Nach Flug, Transfer und Hotel-Check in blieb nicht viel vom Nachmittag übrig. 18 Uhr stand die Anspielprobe im Salle Pleyel auf dem Plan. Die akustischen Bedingungen sind hier völlig anders als im Musikverein Wien und daran muss man sich schnell gewöhnen.

Riccardo Chailly nutze die gute halbe Stunde, um heikle Partien der heutigen Sinfonien durchzugehen. Und danach hatte jeder noch einmal Gelegenheit, sich allein einzuspielen. Da kommt auch der Großraumfahrstuhl ganz gelegen, wenn man einen ruhigen Ort sucht, aber alle bereits okkupiert sind. Und auf der Treppe warfen sich Carlo Boccadoro, der Komponist des heutigen zeitgenössischen Werkes, und Pauker Thomas Greenleaves noch schnell letzte Instruktionen zu. Dann begann das erste Konzert des Beethoven-Zyklus in Paris – Sinfonie Nr. 2 und 5 sowie Boccaroros Rittrato di musico.

In der Pause trafen Gäste unseres Global Partners DHL Maestro Riccardo Chailly hinter der Bühne und unterhielten sich über Beethoven, die schnellen Takte der Musik und der Logistik. Professor Andreas Schulz vertiefte später in größerer Runde die Geschichte und Tradition des Gewandhausorchesters.

Der Konzertabend wurde frenetisch gefeiert, besonders die 5. Sinfonie mit ihrem frischen und kraftvollen Zugriff. Sehr viel Applaus bekam auch der zeitgenössische Kontrapunkt zwischen den Sinfonien. Die Pariser Publikum nahm das Stück gern auf. Zum Schluss gab es langanhaltende Beifallstürme, die das Orchester und Riccardo Chailly sichtlich freuten.