Drei Jahre nachdem Thomas Tauber als zweiundzwanzigjähriger Geiger ans Gewandhausorchester engagiert wurde, kam im Jahr 1987 sein Sohn Tobias zur Welt. Heute spielen beide im gleichen Orchester.
In einem Haushalt voller Geigenspieler (die Eltern und die zwei Brüder spielen Violine) interessierte sich Tobias früh für das Violoncello. Nach dem Besuch der Spezialschule für Musik in Dresden entschied er sich, das Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig aufzunehmen.
„Erst im Laufe der ersten Semester konnte ich endgültig sagen, dass ich die Musikerkarriere weiter verfolgen will,“ sagt Tobias Tauber. Zuhause konnte er der Musik kaum entgehen: Der Vater Musiker im Gewandhausorchester, die Mutter Geigenlehrerin – dennoch (oder deswegen) hätte er sich auch eine naturwissenschaftliche Profession vorstellen können. Aber wenigstens wollte er es ausprobiert haben, ob ihm das Musikstudium und Profimusikertum liegt.
Sein Vater, Thomas Tauber, war froh, dass die Entscheidung für die Musik fiel: „Wir haben ja sein Talent gesehen. Es wäre aus unserer Sicht schade gewesen, wenn er daraus nicht mehr gemacht hätte.“ Allerdings sind die Einflussmöglichkeiten der Eltern auf die Kinder begrenzt, wenn die ein bestimmtes Alter erreicht haben, räumt der Geiger ein und er hätte sich anderen Zukunftsplänen seines Sohnes wohl kaum entgegen gestellt.
Doch Zweifel am eingeschlagenen Weg bleiben nicht aus. „Wenn es genug zu tun gibt im Studium und sich ausreichend Gelegenheiten zum Musizieren bieten, macht es Spaß“, stellt Tobias fest.
Gleich nach Studienbeginn war dies offenbar nicht mehr der Fall. Im ersten Semester bewarb er sich nämlich gleich für eine Substitutenstelle im Gewandhausorchester. Dem Vater war das nicht so recht: „Ich dachte, er sei mit einundzwanzig vielleicht noch zu jung dafür“, gibt Tauber senior zu. Wie sich die Zeiten ändern: Mit Zweiundzwanzig hatte Vater Thomas schon die feste Anstellung im Gewandhausorchester! „Er hat mir das auch gleich vorgerechnet“, amüsiert sich der ältere Tauber und Tobias sagt: „Über die Altersfrage hatte ich mir keine Gedanken gemacht– ich wollte einfach so spielen, dass ich mich nicht blamiere.“ Der erste Anlauf hat dann aber doch nicht geklappt.
Beim zweiten Anlauf im Jahr 2009 funktionierte es offenbar besser und er bekam den Job.
Ein Jahr später, 2010, wurde eine feste Tutti-Stelle in der Violoncello-Gruppe ausgeschrieben. 100 Bewerber gab es dafür und wieder war Tobias Tauber bei den Letzten in der Auswahl. „Ich würde gerne in Leipzig bleiben und da ich ja schon mal ein Vorspiel erfolgreich absolviert hatte, lag es nahe, es auch für die Festanstellung zu probieren,“ sagt Tobias. Vater Thomas hat weder zu noch abgeraten, sich am Gewandhaus zu bewerben. „Da es sich mit seiner Lebensplanung deckt, wäre es ja ungeschickt, den Versuch nicht zu unternehmen, hier eine Stelle zu finden,“ sagt der Geiger.
Geschafft hat es der Cellist, der derzeit im sechsten Semester studiert, nicht. Aber er war so gut, dass man ihm immerhin einen Zeitvertrag angeboten hat, der Ende Dezember endet.

Tobias Tauber (rotes Shirt, vorne) bespricht sich mit Cello-Kollegen, Thomas Tauber (hellblaues Hemd) probt auf der Geige
Vater und Sohn tauschen sich außerhalb des Konzertpodiums durchaus über Belange des Orchesters aus, vor allem auch über berufspraktische Dinge. Spezielle fachliche Fragen das Instrument betreffend, sind kaum untereinander zu klären. Auch sitzen die beiden so weit auseinander, dass Tobias kaum den kritischen Blick oder die Kontrolle durch den Vater fürchten müsste. „Ich habe nicht das Gefühl, dass er mir „im Nacken“ sitzt. Er hat als Musiker der ersten Geigen außerdem genug mit seinen Noten zu tun und daher kaum Gelegenheit, mich dabei auch noch genau zu beobachten,“ scherzt Tobias.
Zwischen den Generationen gibt es keinen Neid. Thomas Tauber lebt und arbeitet in dem Bewusstsein, dass seine Karriere, die in der DDR begonnen hatte, gut verlaufen ist ohne, dass er viel vermissen würde. „Außer vielleicht die heutigen Möglichkeiten, als Nachwuchsmusiker schon recht früh mit Jugendorchestern reisen zu können“, gibt er zu. Und sicher beneidet er Tobias auch nicht um die größeren Schwierigkeiten, die man als Musiker heute hat, mit seinem Beruf sein Leben zu fristen und für die größere Unstetigkeit, die dieses Bestreben oft mit sich bringt. Das genau ist es aber, was sich Tobias wünscht: „Eine gewisse Sicherheit, die mein Vater als junger Mann mit seinem Beruf erreichen konnte, ist komfortabel und beruhigt ein bisschen.“ Für einen Musiker seines Alters mag das überraschend klingen – wo doch häufige Jobwechsel (freiwillig, um sich auszuprobieren oder unfreiwillig, weil keine Stellen frei sind) bei jungen Musikern quasi an der Tagesordnung sind. Im Frühjahr wird eine weitere Cello-Stelle ausgelobt. Wie bei der Substitutenstelle hat er noch eine zweite Chance, sich die Stelle im Gewandhausorchester zu erspielen. Wenn auch dieses nächste Probespiel kein Engagement im Gewandhaus bringt, würde Tobias aber selbstverständlich auch nach anderen Stellen Ausschau halten. Aber es ist Nachwuchs im Anmarsch: im Oktober wird der Cellist Vater von Zwillingen. Zwei gute Gründe für den Wunsch nach beruflicher Sicherheit.
“2011, als Tobias Tauber als Vierundzwanzigjähriger Cellist ans Gewandhausorchester engagiert wurde, waren seine Kinder gerade zur Welt gekommen, heute spielen sie …”
Vielleicht beginnt so die Fortsetzung der Familien-Geschichte im Jahr 2033.





