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Archiv für die Kategorie „Rezensionen“

Snowbirds mitten im Nichts

Samstag, 20. Februar 2010

von Charlotte Schrimpff, LVZ, 20./21. Februar 2010

Wenn man in Los Angeles auf den Freeway fährt und sich dann südlich hält, wird man bald feststellen, warum das Orange County Orange County heißt. Orangen – wie übrigens auch Zitronen – wachsen hier an Bäumen. Neben Zypressen und Palmen und, ein bisschen später: Kakteen. Dann aller- dings, immer an den schneebedeckten San Bernadino Mountains entlang, ist der Boden nicht mehr so grün und fruchtig sondern eher bräunlich und leer. Aus Zypressen sind kleine Büsche geworden und Sträucher mit vielen trockenen Stellen. Überhaupt ist plötz- lich Wüste: viel Gestein und Sand und Schotter zu Füßen monströser Wind- parks. Und mittendrin die Ausfahrt nach Palm Springs.
Palm Desert, der Ort, in dem das MacCallum Theatre steht, liegt da- von noch einmal östlich, knappe 45 Minuten. Trocken ist der Boden auch da, die Gegend ohne Bebauung wenig wirtlich. Und trotzdem treffen sich hier, mitten im Nichts, Jahr für Jahr die Reichen und schön Gekleideten aus Boston und Seattle und New York, um am Pool, bei moderaten Temperaturen von 28 Grad Celsius zu überwintern.
Diese „Snowbirds“, Schneevögel, haben Donnerstagabend die knapp 1200 Tickets mit goldener Schrift bezahlt und ihre genauso glänzenden Wagen vor dem Theater geparkt. Sie sind es außerdem, die die ohnehin trockene Akustik noch ein bisschen trockener machen. Im Saal mit den Sitzen aus Samt kommt wenig an von dem, was das Gewandhausorchester oben tut. Dort, auf der nicht so großen Bühne merkt man dafür, wie unten gehustet wird und auf die Uhren gesehen, wie Süßes ausgewickelt wird und der Pro- grammverlauf geklärt.
Im Bus zurück zum Hotel in Palm Springs sagt Cellist Christian Erben, dass das wieder eine dieser Gelegenheiten gewesen sei, festzustellen, was man zu Hause in Leipzig eigentlich hat. Ein bisschen eher, in der Pause zwischen dem Violinkonzert von Felix Mendelssohn und Johannes Brahms zweiter Sinfonie, hatte Solobratschist Gareth Lubbe auf dem Parkplatz schon mit den Schultern gezuckt und gemeint, dass so eine Tournee eben kalkulieren muss. Ein ausverkauftes Haus ist ein ausverkauftes Haus ist ein ausverkauftes Haus.
Und da spielen sie eben. So, wie man es von zu Hause kennt. Auch, wenn das Blech hier die Höhen deckt und Nikolaj Znaiders Guarnerius ein bisschen arbeiten muss, um sich in Mendelssohns Opus 64 über dem satten Klangkern aus Celli, Bratschen und Bässen zu halten. Der Däne grinst trotzdem, wenn ihm eine Stelle gefällt, in der Klarinette oder in den Geigen. Und trotzdem tauscht er Blicke mit Riccardo Chailly und Konzertmeister Frank-Michael Erben, um das Allegro molto appassionato zum Anfang eines Bogens zu machen und das Allegro molto vivace zu seinem Schluss.
Znaider erzählt dieses Konzert. Er erzählt von langen Linien und stillen Enden. Unterhält sich mit den Celli und besteht auf seine Phrasen. Man kennt sie, die Geschichte. Aber die Begriffe, die er benutzt, sind neu und ein bisschen anders manchmal. Nie zu sehr, aber immer sehr glaubhaft dafür.
Die Schneevögel sind entzückt – auch, wenn sie keine Zugabe wollen. Da hat Geiger David Wedel das Orchester hinter der Bühne da schon auf einer der Wer-war-hier-Wände verewigt, links unter den Londoner Philharmonikern.

Leipzig Gewandhaus, Chailly, make old program sound new

Samstag, 20. Februar 2010

Der Orange County Register veröffentlichte am 20. Februar eine Rezension über das Konzert in Costa Mesa. Interessant sind auch die Kommentare, die der Rezension von Tim Mangan  folgten.

Leipziger Volkszeitung

Freitag, 19. Februar 2010

von Charlotte Schrimpff, Leipziger Volkszeitung, 19. Februar 2010

In der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles gibt es stehende Ovationen, 2000 Menschen brüllen und jubeln und johlen sich die Seelen aus dem Leib. Der Auftakt der 14. USA-Tournee des Gewandhausorchesters Leipzig mit Werken Ludwig van Beethovens gerät am Mittwochabend zum Triumph.

Einen Propheten stellt man sich anders vor. Tom LaBonge trägt beige Hose zum beigen Sakko und darunter ein T-Shirt, auf dem „Hollywood“ steht – in großen roten Lettern. Der Stadtrat des vierten Distrikts von Los Angeles steht Dienstagabend im Salon des Generalkonsuls der Bundesrepublik Deutschland, Wolfgang Drautz, und erzählt von Walt Disney. Und von Lillian Disney, seiner Frau. 50 Millionen US-Dollar stellte die Witwe des Jahrhundertregisseurs 1987 für den Bau eines Konzertsaals von Weltrang zur Verfügung, 16 Jahre später wurde Downtown Los Angeles die Walt Dis- ney Concert Hall eröffnet.
„Walt Disney“ sagt LaBonge also auf dem Empfang zu Ehren des Gewandhausorchesters und seines Tourneeauftakts an der amerikanischen Westküste, „hat gezaubert. Morgen Abend werden sie zaubern“, fügt er mit Blick auf Frank-Michael Erben, erster Konzertmeister des Orchesters, und Peter Borck, Bratschist und Mitglied des Orchestervorstands, hinzu.
Spektakulärer Abend in spektakulärer Architektur
Dass ein erheblicher Teil der Instrumente zu diesem Zeitpunkt gerade erst den Zoll passiert hat und das ursprünglich geplante Kammerkonzert deshalb ausfallen muss, spielt keine Rolle: Tom LaBonge meint, was er sagt – und Tom LaBonge behält recht. Gute 24 Stunden später sollen sich gute 2000 Menschen mit dem Orches- ter erheben – die Walt Disney Hall als eine einzige Ovation. Es wird gebrüllt und gejohlt und gepfiffen – für einen spektakulären Abend in spektakulärer Architektur.
Frank Gherys Entwurf an der Grand Avenue ist ein Landmal, eingehüllt in gebürsteten Stahl und ausgekleidet mit Douglasien-Holz und Eiche. Ein
Saal, dessen akustisches Design der Japaner Yasuhisa Toyota besorgte – und ein Saal, der darum nichts ver- zeiht. Wohl, weil er nichts zu verzeihen hat, in diesem Programm. Weil sich die Leipziger genau diese Unerbittlichkeit, diese akustische Schärfe zu- eigen zu machen wissen. Weil genau das zu Beethovens siebenter Sinfonie passt und zum fünften Klavierkonzert, sofern Riccardo Chailly sie dirigiert. Herbert Blomstedt, sein Vorgänger im Amt als Gewandhauskapellmeister, leitete erstere am Pult des Los Ange- les Philharmonic Orchestra übrigens anderthalb Wochen zuvor.
Der Mailänder will die Tempi, die in den Partituren stehen und dynamische Extreme. Und er bekommt, was das Gewandhausorchester zum Gewandhausorchester macht: Seine Wärme und die ungeheure Farbigkeit jedes Registers. Er bekommt rhythmische Akribie und gestalterischen Furor. Chailly bricht die thematische Arbeit auf im exzellenten Holzbläsersatz und phrasiert mit geschmeidigen Gesten.

27 Grad im Schatten und Sonne satt

Leis’ ist das Adagio und poco mosso am Anfang, berückend durchscheinend und warm zugleich. Eine Essenz von Klang, in die der Kanadier Louis Lortie seinen Steinway nur noch ein- lassen muss. Genauso leise, genauso warm und genauso transparent. Um darin dann zu fantasieren, als gäbe es die Partituren nicht. Noch nicht: „Er- oberer“ würde dieses Opus 73 wohl wieder heißen – Los Angeles liegt dem Kanadier zu Füßen; San Francisco, Boston, Newark und New York sollen folgen.
In Palm Springs und Costa Mesa, den beiden folgenden Station den USA-Tournee, wird Nikolaj Znaider Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert spielen. Von ähnlichen Triumphen ist auszugehen, sofern auch er an sein Leipziger Level anknüpfen kann und inzwischen akklimatisiert ist an 27 Grad Celsius im Schatten und Sonne satt – wie alle 114 anderen in der Reisegruppe.

Aktuelle Informationen und Bilder zum Verlauf der 14. USA-Tournee des Gewandhausorchesters sind unter http://blog.ge- wandhausorchester.de bzw. www.twitter. com/gewandhaus abzurufen.

Los Angeles Times

Freitag, 19. Februar 2010

Eine erste Rezension ist in der LA-Times erschienen.