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Archiv für die Kategorie „13. Oktober 2015, Paris“

Vielen Dank, Paris für drei unvergessliche Residency-Konzerte

Mittwoch, 14. Oktober 2015

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Unser Lothar!

Dienstag, 13. Oktober 2015

Das erste, was Lothar Petrausch (*13.9.1950) für das Gewandhausorchester getragen hat war kein Instrument sondern, als Repräsentant des Konzerthauses, ein Banner bei der Leipziger Mai-Parade im Jahr 1975.

Seinen ersten Arbeitstag hatte sich der damals Fünfundzwanzigjährige wahrscheinlich anders vorgestellt, aber kurz darauf ging es dann richtig los und er startete mit dem Gewandhausorchester im September 1975 zu seiner ersten Tournee, die ihn nach Italien führte. Die Konzerte in Mailand, Florenz und Pavia fanden größtenteils im Freien statt, eines davon auf der zentralen Festbühne beim Pressefest der L ́Unitá, die Tageszeitung der kommunistischen Partei Italiens. Es folgte, wenige Wochen später, seine erste Tournee nach Japan (4.11.-2.12.1975). Vom 27.10. bis 18.11.1978 begleitet Lothar das Orchester dann erstmals in die USA. Damit hatte er innerhalb der ersten drei Jahre seines Engagements seinen künftigen Wirkungskreis kennengelernt: Europa, Asien und Nordamerika.

Gewandhaus zu Leipzig 1981 – USA-Tournee 1982 – Granada 1991

Er begleitete das Orchester dann auf seiner vier Wochen dauernden ersten Südamerika-Tour im Jahr 1980, Australien sollte im Jahr 2003 erst folgen. Nur Afrika hat das Gewandhausorchester bis heute nicht bereist, was nur dann eine korrekte Behauptung ist, wenn man die geographisch zu Afrika gehörenden Inseln Gran Canaria und Teneriffa außer Acht lässt, wo das Orchester 1988 gastierte.

In der Anfangszeit dokumentierte Lothar Petrausch alle Spielorte und was er in der knapp bemessenen Freizeit in den Zielorten eben so sehen konnte mit seiner Fotokamera. Damit hat er aber nach einigen Jahren aufgehört, denn „irgendwann hat man alles mal geknipst“, sagt Lothar lachend.

Nie ist ein Konzert wegen fehlender Instrumente ausgefallen oder hat deswegen unpünktlich begonnen. Aber knapp wurde es durchaus mal: Bei einem Flug von Barcelona nach Italien kamen die Instrumente so spät an, dass das Orchester schon in Konzertkleidung auf den Auftritt in der Accademia di Santa Cecilia wartete während Lothar und seine Kollegen wenige Minuten vor dem Konzert noch die restlichen Instrumente aufbauten. In Sao Paulo steckten die Instrumente einmal wegen eines Zöllnerstreiks fest und kamen nur knapp rechtzeitig am Spielort an.

Auf den Gastspielreisen war das Orchester nicht nur logistischen Widrigkeiten ausgesetzt, sondern auch wirtschaftlichen oder politischen: In Japan ist die durchführende Konzertagentur der Tournee (6.-23. September 1977) bankrott gegangen. Das Orchester musste einige Tage in Tokyo warten, bis die Verantwortlichen zuhause einen Rückflug mit der Fluglinie „Alitalia“ organisiert hatten.

1981 geriet Lothar Petrausch, der alle Reisen nach Spanien miterlebte, gleich in einen Putsch: Just am 23. Februar 1981, am zweiten Tag der allerersten Spanien-Tournee des Orchesters (bei der der Thomanerchor mit von der Partie war) unternahm das spanische Militär vom damaligen Gastspielort Valencia aus einen erfolglosen Putschversuch. Frustrierte Teile der Armee wollten an diesem Tag, ausgehend von Valencia, die junge Demokratie stürzen und die Diktatur wieder einführen. Der sogenannte “23-F” (23. Februar) wurde durch das entschlossene Auftreten von König Juan Carlos I, dem spanischen Oberbefehlshaber, nach wenigen Stunden beendet. Die Thomaner, das Orchester und Lothar Petrausch kamen gerade so eben aus der Stadt heraus und mit dem Schrecken davon. Die ungewöhnlichste Reise fand sicherlich 1987 statt: An 15 Konzerte in Japan schlossen sich nahtlos weitere 13 Konzerte in den USA an.

Los Angeles 2010 – Genf 2011 – Wien 2011 – Madrid 2012 – London 2012 – Shanghai 2014 – Osaka 2014 – Mailand 2015

Für unsere Musikerinnen und Musiker ist Lothar oft der letzte Ansprechpartner vor dem Auftritt. Da müssen schnell noch ein Knopf angenäht, eine Ersatz-Fliege ausgeliehen oder einfach nur Nerven beruhigt werden: „Lothar, ich habe mein Frackhemd im Hotel vergessen….“ – „Welches? Das da, das Du grade anhast?“ Auch die Dirigenten sehen als letzte Person vor dem Auftritt meist den Orchesterwart Lothar Petrausch: Ein Glas Wasser oder einen Kamm reichen, ein aufmunterndes Lächeln, die Bühnentür öffnen – Lothar bietet einen vertrauten Anblick vor dem Gang auf die Bühne und den Unwägbarkeiten eines Konzertes. Für die Künstlerinnen und Künstler ist der Orchesterwart auch derjenige, der mit dem Orchesteraufbau die geeignete Arbeitsatmosphäre in unbekannten Konzerthallen herstellt und versucht, bestmögliche Auftrittsbedingungen zu schaffen: Von der Stuhlhöhe über den richtigen Abstand zum Dirigenten bis zur korrekten Beleuchtung – in allen Fragen wird Lothar um Rat und Hilfe gebeten.

Die Tonnen an Instrumenten- und Frackkisten, die Lothar Petrausch in all diesen Jahren bewegt hat, summieren sich zu einer unvorstellbaren Größe. „Viele Jahre lang hatten wir keine Rollen an den großen Kisten und es gab keine hydraulischen Ladebordwände an den Lastwagen“, erzählt er.

Im September 2015 ist Lothar Petrausch fünfundsechzig Jahre alt geworden. 278 Gastspiele und 1543 Tourneekonzerte nach seiner ersten Tour, ist Lothar Petrausch am 23. Oktober 2015 im Londoner Barbican Centre zum letzten Mal auf einer Tournee für das Gewandhausorchester tätig. Im Juni 2016 beendet unser Orchesterwart seine 40-jährige Dienstzeit beim Gewandausorchester und geht in den Ruhestand.

Vielen Dank, Lothar und alles Gute für den kommenden Lebensabschnitt!

Paris 2015

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