„Es bedeutet mehr Verantwortung – aber das wollte ich ja auch so“, sagt er selbstbewusst. David Wedel, seit 2005 Mitglied der ersten Geigen des Gewandhausorchesters spielt seit dieser Saison als 1. Konzertmeister der zweiten Violinen. Auf Probe. Für ein Jahr.
Seit seinem sechsten Lebensjahr spielt der heute Achtundzwanzigjährige Geige. Er studierte bei Zakhar Bron in Köln, bei Ulf Wallin an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin und nahm erfolgreich an verschiedenen internationalen Wettbewerben teil. Nach einer Praktikantenstelle im Konzerthaus-Orchester Berlin sowie Engagements in den Festivalorchestern in Verbier und des Schleswig Holstein Musik Festivals, wurde er als Tuttist der ersten Geigen ins Gewandhausorchester engagiert. 2008 übernahm er die Stelle des Vorspielers der ersten Geigen und gewann schließlich das Probespiel für die Position des 1. Konzertmeisters. Nun muss er sich ein Jahr lang bewähren.
Die Gruppe, deren Mitglieder unterschiedlich weit vom Dirigenten weg sitzen, orientiert sich nicht nur am Dirigenten, sondern auch am 1. Konzertmeister. „Die Position – wie auch alle anderen vorderen Positionen – ist wie der verlängerte Arm des Dirigenten“, erklärt Wedel. Er ist derjenige, der 100% Kontakt zum Dirigenten haben muss und der dessen Impulse an die Gruppe weiter vermitteln soll. Nonverbal natürlich – mit der Bewegung von Körper und Instrument. Der 1. Konzertmeister gewährleistet damit das exakte Zusammenspiel und genaue Einsätze der gesamten Gruppe. Parallel dazu muss er sich permanent mit den Kollegen der anderen ersten Pulte abstimmen und er muss dauernd den Kontakt zum Dirigenten halten – also eigentlich fortwährend an vielen Fronten reagieren – und natürlich noch spielen. „Man sitzt an der Stelle ziemlich `ungeschützt´, man kann sich nicht mehr an einem Vordermann orientieren und es gibt deswegen auch nahezu keinen Augenblick der Entspannung mehr.“
Damit David Wedel seine Rolle optimal gestalten kann, muss nicht nur er das Stück perfekt kennen, sondern auch die Gruppe muss gut vorbereitet sein. Gruppe und Konzertmeister müssen gemeinsam als Ganzes agieren. Erst die sehr genaue Kenntnis des Notenmaterials ermöglicht es den einzelnen Musikerinnen und Musikern, öfter nach vorne zu schauen, um die Impulse von 1. Konzertmeister und Dirigent wahrnehmen und umsetzen zu können. Wenn die Spieler an den Noten `kleben, können Einsätze und andere Zeichen von Dirigent und Konzertmeister unter Umständen nicht erkannt werden. Über „seine“ Gruppe jedoch schwärmt Wedel: „Die zweiten Geigen sind super zusammen! Und dabei darf man die besondere Leistung der hinteren Pulte nicht verkennen“, gibt er zu bedenken.
Diese Musiker sitzen nämlich so weit weg, dass sie kaum eine andere Wahl haben als gut vorbereitet sein zu müssen, um ihre Einsätze über Blickkontakt mit dem Dirigenten und dem Konzertmeister besser koordinieren zu können.
Der Erwartungsdruck ist im Probejahr naturgemäß groß und beide Seiten müssen sich erst einmal aneinander gewöhnen: Der neue 1. Konzertmeister muss lernen, wie die Gruppe funktioniert und ob er Führungsqualitäten besitzt, die Gruppe hingegen muss sich an seine Persönlichkeit und seinen Führungsstil gewöhnen.
Alles zusammengenommen ist David Wedel größeren psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt, als an den Positionen, die er zuvor innehatte. „Um herauszufinden, ob ich dem gewachsen bin, ist das Probejahr auch für mich wichtig“, sagt er selbstkritisch. Aber er ist guter Dinge: „Die ersten Proben und Konzerte sind toll gelaufen und ich bin zunehmend weniger angespannt.“



